Kermit, der Frosch

Der Frosch …

Lebt er noch …? … Wie geht’s ihm denn …? … Wie alt ist er jetzt …? … – Fragen, die immer wieder zu hören waren. Auf die letzte meist noch als Zusatzfrage: Wie alt können Pferde denn überhaupt werden? Daraufhin – besonders in den letzten Jahren, nachdem er die 40 überschritten hatte – ahnungsloses Schulterzucken und: „Ich weiß es nicht …“ – Nun weiß ich es: Er ist 43 Jahre alt geworden!

Kennengelernt haben wir uns im Dezember 1975 auf der nordfriesischen Insel Amrum, wo er als Einzelpferd auf einer riesigen Wiese stand und noch „Alex“ hieß.

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Wir haben uns danach erst immer nur in den Ferien mal wieder gesehen und zusammen Spaß gehabt. Unser gemeinsames Leben begann in Hamburg am 25. Februar 1978, also vor rund 35 ½ Jahren. Hier kam er nach seiner Zeit in „Einzelhaft“ in eine große Herde mit Pferden in unterschiedlichster Größe – vom Shetty bis zum Großpferd und fand sich dort von Anfang an ohne Probleme bestens zurecht.

Es stellte sich allerdings sehr schnell heraus, dass „Alex“ so gar nicht zu ihm passte, dafür war er einfach zu lustig drauf und immer für ein Späßchen zu haben – so ergab es sich ganz von selbst (zu Zeiten als die Muppet-Show ständig durchs Fernsehen geisterte), dass er „Kermit, der Frosch“ wurde und blieb.

Bis er 24 Jahre alt war, wurde er regelmäßig geritten s, sogar einen zweiwöchigen Wanderritt durch Göhrde, Wendland und Lüneburger Heide haben wir 1982 gemeinsam gemacht, wobei er auch früher schon immer kleinere Kinder um sich hatte, die sich mit Begeisterung putzender- und reitenderweise auf ihn stürzten, und er wusste in späteren Jahren das mir gegenüber doch sehr viel geringere Reitergewicht der Kinder durchaus zu schätzen.

Im April 1994 zogen wir dann nach Güttersbach, wo er bis an sein Lebensende (am 26. Juli 2013) bleiben durfte. Das „richtige“ Reiten im Gelände hügelauf und hügelab haben wir zu der Zeit eingestellt, weil der arme Kerl ja immerhin „schon“ 24 Jahre alt war! So musste er mich nur noch gelegentlich beim Weidewechsel die Straße entlang von einer Wiese zur nächsten schleppen.

Die ersten Jahre, als er noch genügend Zähne zum Gras-Kauen hatte, lebte er mit seinen „Leibwächtern“ Hjarrandi und Björn in der Wallachherde, und besonders zu Beginn konnte man ihn – einen Isabell links, den anderen rechts neben sich – über die Weide traben sehen.

Ansonsten war er aber auch durchaus in der Lage, sich gegenüber den teilweise ein ganzes Stück größeren Isländern durchzusetzen, er hatte die für solche Zwecke sehr geeignete „Vertreter-Mentalität“, die er immer dann zum Vorschein brachte, wenn er im Winter mit den anderen Knaben zusammen ans Fressgitter wollte. Er ging in einiger Entfernung zu der Stelle, die er sich ausgesucht hatte, und begann Schritt für Schritt in aller Ruhe nach vorn zu schleichen; dabei blieb er immer wieder einen Moment stehen, um die Lage zu peilen. Wenn einer der Nachbarn nach ihm schnappte, zog er sich allenfalls ein bis zwei Schritte zurück und startete gleich darauf den nächsten Versuch, bis er ganz unauffällig angekommen war, wo er hinwollte, und mitfressen konnte. Die Verwirrung der Nachbarn rechts und links über soviel Dreistigkeit war dann meist so groß, dass er bleiben durfte.

Auf ernsthafte Streitigkeiten anderer Art ließ er sich auch nicht ein: falls irgend jemand mit angelegten Ohren auf ihn losgehen wollte, sagte er sich „Ignorieren ist die beste Maßnahme“, und man konnte beobachten, wie er – auch in aller Ruhe – ein fröhliches Liedlein pfeifend im Schritt eine Runde um den Angreifer drehte, der daraufhin erst mal stehenblieb, jeden seiner Schritte mit Blicken verfolgte, wobei nach jedem Schritt die Ohren des Angreifers ein Stück nach vorn wanderten, bis sie nach vollendeter Runde ganz vorn angekommen waren und jegliche Angriffslust verschwunden war.

In den ersten Jahren bekam er – noch in der Wallachherde – täglich sein Zusatzfutter im Eimer serviert und erwartete mich stets, zu welcher Tageszeit ich auch kam, am Weideeingang; war zumindest, wenn er sich doch mal verspätet hatte, schon auf dem Weg dorthin, und es gelang mir nie, von ihm unbemerkt anzukommen.

Besonders beliebt war der Frosch immer bei kleineren Kindern, die ihn hingebungsvoll putzten und feststellten, dass es da ein Pony gab, das sie ganz selbständig aufhalftern, von der Weide zum Hof führen konnten, überhaupt mit ihm spazieren gehen konnten und das immer und überall sehr geduldig war. So war es jedes Mal besonders spaßig, beim Hufeauskratzen zuzusehen – zuerst kam immer vom Kind die Frage: „Darf/kann ich auch die Hufe auskratzen?“ Antwort: „Probier’s!“ Ergebnis: Die Aktion war so erfolgreich, dass die Kinder gar nicht zu bremsen waren, immer wieder rundum gingen und ein Stäubchen unter dem jeweiligen Huf wegbürsteten, so dass der Frosch irgendwann nach der x-ten Runde aufhörte mitzuzählen und sich fragte, ob er vielleicht doch ein Tausendfüßler ist – aber er blieb stets ganz ruhig und gelassen bei der Sache, nur irgendwann kam doch mal ein vorwurfsvoller Blick von ihm in meine Richtung …

Einen Riesen-Spaß hatte der Frosch bei unseren Veranstaltungen, so hat er so manches Hoffest und auch den einen oder anderen Gauditag mitgemacht, hat stolz „wie ein Spanier“ Therapiekinder, Elefantenohren, Verkehrsschilder und Schmetterlingsflügel durch die Halle getragen – oder auch als „Handfrosch“ mal einen auf seinem Rücken „geparkten“ Zwergpinscher.
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Außerdem gab es beim Gauditag gelegentlich Streit um einen ohne Zuhilfenahme der Hände zu essenden Mohrenkopf, wobei der Frosch entschieden im Vorteil war, und Fußball spielte er auch immer gern.
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Als die Zähne Stück für Stück verschwanden und es für ihn mit dem Gras-Fressen immer schwieriger wurde, zog er zusammen mit Björn hinter der Reithalle in die „Villa Frosch“ ein a,

dazu kamen zunächst auch noch Mädi und Phila.
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Als letzter von den drei anderen ging schließlich Björn, und der Frosch brauchte wieder Gesellschaft – so kamen Krona, Kempa und Joschi dazu, an die er sich schnell gewöhnte und mit denen er sich sehr wohlfühlte.
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Übrig blieb schließlich, nachdem auch Joschi und Krona die Herde verlassen hatten, bis zum Tag des Hoffestes 2012 noch Kempa; die beiden verbrachten ihre Zeit miteinander wie ein altes Ehepaar, wollten immer zusammen sein. Falls Kempa mal nicht bei ihm war, konnte man den Frosch sogar wiehern hören, was es in früheren Zeiten nur sehr selten gegeben hatte. Das Meiste aber brachten die beiden sowieso gemeinsam hinter sich, so auch die alljährlich wiederkehrende Scher- und Wasch-Aktion im Frühjahr, wobei der Frosch besonders das Waschen immer wieder sehr unangenehm fand, da er als Frosch eben wasserscheu war …

Auch an der in den Ferien allwöchentlichen Bodenarbeit mit den Ferienkindern waren die beiden noch häufig beteiligt und brachten den Kindern bei, wie man ein Pferd führt, wobei der Frosch auch das Führen im Galopp mit ins Übungsprogramm aufnahm.

Nach dem Hoffest im vergangenen Jahr, als Kempa so plötzlich gegangen war, stellte sich wieder die Frage: Wen können wir denn nun zum Frosch stellen? Lösung: erst mal Hjarrandi – der Nächstälteste, aber mit 29 Jahren immer noch geradezu ein Jüngling. Immerhin gewöhnten die beiden sich aneinander und kamen schließlich wieder miteinander klar. Bald darauf wurde die „Villa Frosch“ noch weiter bevölkert – auch kein Problem, Frosch nahm die Dinge wie sie kamen, bis er im letzten Winter eine Schlundverstopfung hatte, die er aber – wider Erwarten – auch noch erfolgreich hinter sich brachte.

Danach durfte er nur noch eingeweichtes Futter fressen, damit auf dem Weg in den Magen auf keinen Fall mehr etwas hängenbleiben konnte. Nun musste er ganz für sich allein untergebracht werden und zog auf die Fläche zwischen großer und kleiner Reithalle. Von Stund’ an hieß es: sämtliche Außentore hinten schließen! Der Frosch hatte nun die Wahl, den Schulpferden oder den nun nicht mehr ganz so alten „Senioren“ im vorderen Auslauf Gesellschaft zu leisten, konnte auch Botschaften hin und her tragen und bei der Bodenarbeit in der großen Reithalle die Arbeitenden bei Bedarf etwas „nerven“. Mit allem war er sehr zufrieden, Hauptsache, er hatte Gesellschaft und es kümmerte sich jemand um ihn – besonders beliebt war Widerrist-, Hals- und Bauch-Kraulen.

So hat er sein Leben noch ein halbes Jahr genossen, bis er nun endgültig in der Zeit der großen Hitze, in der er auch in früheren Jahren immer mal wieder Schwierigkeiten gehabt hatte, nicht mehr weiterleben mochte. Es war selbst für ihn als „Stehaufmännchen“, das sich von allem Möglichen früher immer wieder erholt und freudig und munter sein Leben weitergeführt hatte, zuviel und er sagte jetzt: „es reicht!“

Ganz würdevoll hat er sich am letzten Freitagabend im Juli von einem großen, sehr schönen, alljährlich zu dieser Zeit bei uns in Weschnitz stattfindenden Feuerwerk verabschieden lassen. Als es beendet war, zog eine große gescheckte Wolke mit einem langen dunklen Schweif von dannen …

Passenderweise ist er zwei Tage vor dem Hoffest 2013 gegangen, so hatte er noch einen Tag Zeit, Kempa auf der großen Wiese wiederzutreffen und mit ihr zusammen zuzugucken – vielleicht hatten die beiden ja auch Bleikjas Fohlen bei sich?

 

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